Superlativen sind sexy.

Diese Faustformel des Journalismus und des Marketings bewahrheitet sich auch in der Entwicklung des Dornbirner Stadtbilds. Das gerade eröffnete höchste Haus Vorarlbergs schafft es blitzschnell in die mentale Landkarte eines jeden, der einmal in der Ferne vorbeigefahren ist oder eine Tageszeitung liest. Wer seine Energien auf eine ganze Stadt verteilt, tut sich etwas schwerer. Doch machen wir uns auf die Suche nach den Bestandteilen des „Großprojektes“ der Stadt Dornbirn, das insgesamt eine Geschossfläche von rund 45.000 m2 und eine Bausumme von 100 Mill. EUR auf die Waage der Berichterstattung bringt. Im öffentlichen Raum Dornbirns werden gerade sieben Bauprojekte fertiggestellt oder befinden sich seit kurzem in Betrieb, bei denen die Stadt zur Gänze oder teilweise als Bauherr auftritt. Frappierend ist dabei die Ähnlichkeit der Angebote. Pflegeheim, Krankenhaus, Hallenbad versus 4 Stern-Hotel, Ärztehaus, Wellnesszentrum. Hier verteilt als öffentlich städtische Infrastruktur, dort als kommerzieller Sandwich in einen Turm gepackt.

Neue Architektur in der Stadt

Aktuell eröffnet wurden der Umbau des Hallenbads (Architektur: Cukrowicz und Nachbaur) und die Erweiterung der Fachhochschule (Walser/Werle). Ein Pflegeheim mit 107 Betten der Arbeitsgemeinschaft Riepl/Riepl und Johannes Kaufmann und die Erweiterung des Krankenhauses (Gohm und Hiessberger) sind seit diesem Jahr in Betrieb. Der zweite Abschnitt des Krankenhauszubaus wird im kommenden Frühjahr den Nutzern übergeben. Die Eröffnung der Inatura (Dietrich/Untertrifaller mit Hermann Kaufmann und Christian Lenz) auf dem Areal der ehem. Rüschwerke und die Erweiterung des Rathauses (Walser/Werle) liegen schon etwas zurück, können aber diesem Schub der baulichen Erneuerung zugerechnet werden. Nicht unter der Bauherrschaft der Stadt, aber mindestens ebenso sichtbar sind der laufende Umbau des Bahnhofs und die Errichtung der neuen Messehalle 13 von Rainer und Amann, bzw. einer neuen Ballsporthalle für die Gymnestrada 2007, die gerade von Cukrowicz und Nachbaur geplant wird.

Sei es durch eine Kontinuität der Jurien, sei es durch den regionalen Bezug der Planer: Den jetzt entstandenen Projekten ist ein Bekenntnis zum öffentlichen Raum und eine präzise Sachlichkeit gemein, die durch die Materialwahl und ausdifferenzierte Proportionen individuelle Verfeinerungen erfuhren.

Stadtbad

Mit seiner Schauseite zur Stadtstrasse, mit dem Zugang zur parkartigen Villenbebauung der Schubertstrasse vermittelt das neue „Stadtbad“ Präsenz. Die dreiseitige Verglasung des großen Hallenkörpers und die abgestimmte Gartengestaltung zielen auf  ein „Schwimmen in der Stadt“. Die Eleganz von schwarzem Glas und die sanfte Ironie der wie Holzlatten gefalteten Kupferfassade am neuen Stadtbad ergeben eine neues Stimmungsbild und eine interessante Reibung zum bewusst unaufgeregten, bodenständigen Titel „Stadtbad“.  Spannend bleibt, wie sehr die gewöhnlichen Badegäste, den sinnlich kontemplativen Minimalismus der Innenausstattung von Bad und Sauna annehmen können. Entsprechend wird auch der optische und akustische Lärm einer 47m-Wasserrutsche durch eine überraschende Verhüllung abgedämpft.

Pflegeheim

Am Ufer der Dornbirner Ach und neben dem Gymnasium Schoren sitzt oder besser schwebt der immerhin 72m lange und 28m breite Bau in einer Parklandschaft. Die drei Bettengeschosse umkreisen ein Atrium mit platzartigen Aufenthaltsflächen und Pflegeeinrichtungen. Die Zimmerfolgen sind von verschieden großen Aufenthaltsräumen und eingeschnittenen Loggien durchbrochen. Der Versatz dieser Öffnungen und die Lattenfassade - hier im Gegensatz zum Stadtbad im originalen Lärchenholz - verhilft dem gewaltigen Baukörper zu erstaunlicher Lebendigkeit. Wie eine kleine Stadt für sich breitet sich das Gebäude über einem eingerückten und verglasten Erdgeschoss aus, das mit seiner umlaufenden Arkade einen geschützten Spazierweg schafft.  Auch hier gibt es wie bei jedem Haus eine sanfte Gewöhnungsphase an die sinnlichen Angebote einer aktuellen Architektursprache, doch die Begeisterung über die vielfältigen und nachhaltigen Möglichkeiten überwiegt gleich von Beginn.

Krankenhaus

Ziel der Krankenhauserweiterung waren eine Reorganisation, sowie die Zusammenfassung von Verwaltung und Büros der leitenden Ärzteschaft. In einem geladenen Wettbewerb konnte sich das Projekt von Markus Gohm und Ulf Hiessberger gegen vier weitere Entwürfe, mit dem Vorschlag eines aufgeständerten zweigeschossigen Stahlbaus/Längsbaukörper durchsetzen. Die Architekten schaffen so einen vermittelnden und überdeckten Vorbereich vor dem massigen Bestand, der über eine Brücke und einen Treppenturm verbunden ist. Etwa 8m über Grund erzeugt ein halböffentliches Atrium mit seinen glatten und präzis gefügten Oberflächen eine verblüffend kunsthafte Szenerie, durch die Ärzte in makellosem Weiß eilen. Eine perfekte architektonische Paraphrase der Spitalswelt, die an Thomas Demands Kunstphotografien gemahnt.

ORF Landesstudio

Eine Maßnahme, bei der eine Reihe von Vorarlberger Architekten, das VAI und auch das Stadtbauamt auf möglichst wenig Veränderung gedrängt haben, ist die Sanierung des ORF Landesstudios. Als letztes originales Exemplar einer Serie von Landesstudios, die in den 60er und 70er Jahren nach dem symbolstarken und futuristischen Entwurf von Gustav Peichl entstanden waren, drohte nun auch hier eine, wiewohl vom Architekten autorisierte Sanierung, die eine gestalterische Verharmlosung zu einem weiss verputzten Bürohausstandard bedeutet hätte. Der erste Anlauf wurde angeblich vom hellhörigen Bauamt sanft mit der Replik abgewiesen, dass ein Stempel „des Professor Peichls“ in Dornbirn nicht als Bescheid gelte. Nach Petitionen, Telefonaten, einer Reihe von Gesprächen mit den Verantwortlichen und dem Architekten einigte man sich zur allgemeinen Zufriedenheit auf einen Erhalt der prägnanten Gestaltungselemente, welche die Betonfassaden durch farb- und maßgleiche Dämmelemente und die Straßenbahnfenster durch eine optisch gleichwertige Konstruktion ersetzte.

Epilog: Architekturwettbewerbe. Von der offenen Leistungsschau zum selektiven Auswahlinstrument.

Anerkennenswert ist dabei das Bekenntnis zu architektonischer Qualität von Seiten der Stadt und der Einsatz von Architekturwettbewerben (zumeist im Bewerbungsverfahren) bei der Vergabe der Planungen, der sich auch nach Einschätzung des Stadtbauamtes bewährt hat.
Dass es sich bei den Planern von durchwegs um Vorarlberger Büros handelt, ist nicht das Resultat eines Protektionismus, sondern auch ein Leistungsbeweis der regionalen Architekturszene, denn die letzte Novelle des Vergaberechts 2002 sieht hier ab einer Honorarsumme von  200.000  EUR eine EU-weite Ausschreibung für Planungsleistungen vor. Diese Öffnung bedeutete vor allem das Ende allgemein offener Wettbewerbe, wie sie für die Vorarlberger Architekturszene in den 80er und 90er Jahren wichtig waren. Die Größe und Bedeutung einer Bauaufgabe regelt natürlich auch das internationale Interesse, doch präventiv wurden hier - soweit zulässig - geladene Wettbewerbe und vorgeschaltete Bewerbungsverfahren angewandt, welche entsprechende Referenzbauten voraus setzt. Der befürchtete Kollaps des Wettbewerbswesens blieb so aus, doch engte sich der Kreis von Planern spürbar ein, der bei Projekten dieser Art auftreten kann.

„Wir brauchen die Ränder“

Es zeigt sich eine Vielfalt von Idee und Konzepten mit der die Stadt auch ein Gegenkonzept bietet zur tendenziellen Austauschbarkeit im großen Stil errichteter Konsumwelten. Die Konkurrenz der Stadtränder ist auch in Dornbirn deutlich spürbar. Stadtbaumeister Markus Aberer sieht hier aber keinen Grund zur Resignation und möchte die scheinbar konkurrenzlos attraktiven und wirtschaftlich potenten Einkaufslandschaften in ein polyzentrisches Stadtgebilde integrieren. Die Einbindung soll über städtebauliche und raumplanerische Grundlagen (Schutz der Landesgrünzone), den öffentlichen Verkehr und die Betreuung der Straßenräume erfolgen und bezieht sich dabei u.a. auf die geplante Errichtung eines Wäldchens im großen Kreisverkehr beim Messepark. 70 Bäume, ständig von Autos umkreist, entwickeln ja geradezu Symbolkraft.
Ein Schelm, der Böses denkt.

In: Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Jg. 20, Dezember 2005, Nr.13

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