Doppelbilder aus den Jahren 1910 und 2005.

Das Re-Fotografieren von historischen Aufnahmen erzeugt in der Regel einen seltsamen „Sehnsuchtsmechanismus“: „Ach, früher war hier doch . . . „.  Die Bilder scheinen sich alsbald auf ihre Differenz zu reduzieren, auf das Verschwundene, das Abhanden Gekommene. Doch diese wehmutsvolle Stimmung lässt sich bei entsprechender Vertiefung in ein Befragen der Gegenwart verkehren: „Was bleibt von uns, was tragen wir heute zu den Archiven unserer Vergangenheit bei?“ und: „Wie gehen wir mit diesen Speichern und Archiven um?“

Im Reich des Wanderfotografen

Um 1910 hat der aus Eisenach eingewanderte Fotograf Wilhelm Karl Thurau zahlreiche Wohnhäuser in Dornbirn festgehalten und die Abzüge als Postkarten an deren Bewohner verkauft. 123 dieser Ansichten sind im Dornbirner Stadtarchiv erhalten.
Claudia Burtscher und Marlene Leichtfried haben die Objekte dieser Bildersammlung im Rahmen ihrer Diplomarbeit für den Studiengang Intermedia lokalisiert und präzise nachfotografiert. Diese Dokumentation wurde im Inneren von 13 Gebäuden vertieft und schließlich mit Tonbandinterviews der Bewohner zu ihren Häusern und ihrem Wohnverständnis in einer Ausstellung verdichtet. Eine vierteilige Publikation umfasst darüber hinaus Personalia, Notizen aus dem Entstehungsprozess und einen theoretischen Text mit persönlichen Reflexionen zu den Fragen des Archivs, der Fotografie, zu Stadt und Wohnkultur.

Geflecht der Archive

Die beiden Autorinnen deuten das Phänomen der „eigenen vier Wände“, den Raum ums Haus und schließlich die Stadt als Ansammlung von Memorabilien, als Dinge, die es wert waren aufbewahrt oder bewahrt zu werden und befinden sich dabei unversehens in einem Geflecht von unterschiedlichsten Archiven. Zuletzt haben sie daran mit ihren eigenen Aufnahmen und der so entstandenen neuen Sammlung auch selbst kräftig weiter gewoben.
In der bewundernswerten Euphorie und im beispiellosen Eifer ihrer Abschlussarbeit greifen sie Facette um Facette auf, verwerfen vieles und bewahren letztendlich doch den Ernst und Respekt, den es braucht um ein Stück aus einem so deutungsreichen Feld zwischen Stilleben, Kitsch und Alltagsgeschichte glaubhaft zu erschließen.

Am Quell der Geschichte . .  oder ihrer Auslöschung?

Hier zeigt sich Geschichte zwischendurch schon mal als Konstruktion. Bereits der Fotograf Thurau hat seiner Zeit folgend diesen Mechanismus der Historisierung benutzt, indem er sein Fotoatelier verließ und sich selbst die Motive schuf. Mithilfe  seiner Aufnahmen hat er aus dem Alltag ein historisches Momentum erzeugt, das er anschließend kapitalisierte. Das Projekt „Stadtfinden“ – auf seinen Spuren - bewegt sich auch heute auf einem schmalen Grat zwischen Demokratisierung und Individualisierung von Geschichte und ihrer eigenen spekulativen Entwertung. Eine mittlerweile allgegenwärtige Problematik angesichts von wissenschaftlicher Alltagsgeschichte und hysterischen Retro-Moden.

Zeitkapseln

In einem der zur Ausstellung stattfindenden „Stadtgespräche“ wird es auch um Warhol gehen. Der fotografische Apparatismus und sein codierter Gebrauch erzeugen schließlich jenen imaginären Bühnenraum auf dem die Menschen zu erhöhten Botschaftern an eine unbestimmte Zukunft werden.
Die Botschaften sind mitunter banal, doch die subversive Kraft des Realismus, der Details vermischt sich auch in der Ausstellung als deutlicher Subtext wirksam mit die Idyllen. Eigentlich sind es Strategien der Kunst, mit denen die Autorinnen die Grenzen der klassischen Archivierung sprengen und dem emotionalen Gehalt ihrer Beobachtungen Raum schaffen. Werner Matt, Leiter des Stadtarchivs Dornbirn verweist in seinem Vorwort dazu auch auf Andy Warhols „Time Capsules“, 612 identische Pappkartons, angefüllt mit den Inhalten seines Schreibtisches, durch die Warhol dreidimensionale Momentaufnahmen seines Alltags schuf.

Nachgehen, nachlesen - Stadtlektüre

Die Akribie des Nachstellens und der Ernst der Systematik schaffen auch hier Vertrauen. Ein Vertrauen der Abgebildeten und ein Vertrauen der Betrachter zum Material. Diese Sorgfalt der Dokumentation, die Tonspuren mit den Interviews, die zu den Bildern in der Ausstellung abgehört werden können, beschwören Authentizität und zwingen dann auch zur Sorgfalt der Betrachtung.
Wie bei Thurau entsteht vorerst eine seltsame Parallel-Stadt, auf deren Suche man sich schließlich begeben möchte. Ein leise Erschütterung ist vermutlich dann an jenen Stellen zu spüren, wo geistloses oder überhaupt Leerstellen im Stadtgewebe zu finden sind. Das Fragespiel zerbricht, scheint verdorben. Warum wurden hier Spuren verwischt, warum die Bühne von Wilhelm Karl Thurau verlassen?
An dieser Stelle sei auf die architekturhistorische Dimension dieser Doppelbilder verwiesen, deren Details einen umfangreichen Zugang zur Kultur beider Zeiten schaffen. Die Lust, selbst diese Stadt zu finden, kann dann auch die Augen öffnen für das eigene Erleben. Man mag dann selbst Fragen stellen an die Stadt und mit Geduld den Antworten zuhören. Es gibt ausreichend Gelegenheiten und Material diese „Lektüre“ zu genießen.

Sphären, Schäume, Zellen

Ausgehend von der Faszination für individuelle Lebenswelten folgen die Autorinnen einem Rückzug der Öffentlichkeit von den Thurau´schen Strassenansichten in die Mikrokosmen der privaten Wohnzellen. Peter Sloterdijks Gesellschaftstheorie der „Sphären“ und „Schäume“ scheint sich hier zu bestätigen, jene Agglomerationen von zahllosen Orten der individuellen Levitation, der Erleichterung.

Aus dem Ungenügen mit dieser gegenwärtigen Sprachlosigkeit bitten Sie die heutigen Bewohner um Interviews und finden schließlich Zugang zu 13 Häusern.
Im Inneren dieser Wohnblasen ergänzen und vertiefen sie ihre Doppelbilder mit Innenaufnahmen/„Wohnzimmerbildern“ und die dazu gestellte Frage nach „Lieblingsorten“ provoziert neue Stilleben und neue Bilder, die selbst wieder Vergangenheit erzeugen für neue Archive. Stilisiert, in feierlichen Posen, werden sie ihrerseits irgendwann einmal Sehnsuchtsmechanismen auslösen oder Fragen stellen.


Robert Fabach, 18. August 2005

In: Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Jg. 20, September 2005, Nr.10, S. 42-43

fabach@raumhochrosen.com                                                     

[Hinweise:]

„Stadtfinden“
eine Ausstellung im Rahmen von „walk in“
Wirkerei, FH Vorarlberg; 2.9. bis 20.9. 2005

„Stadtfinden“
Dornbirner Schriften, Heft Nr. 31; hrsg. von Werner Matt, Dornbirn 2005.
Dornbirner Schriften, Heft Nr. 20; hrsg. von Werner Matt, Dornbirn 1995.